Rechtsruck? Unser Redakteur Nils glaubt, das ist nur ein Mythos. Er plädiert für einen unverblümten Blick zurück und eine laute Grüne Jugend. Ein Kommentar. 


Überfremdung. Nazis. Flüchtlingsstrom. Populist°innen. Altparteien. Sexist°innen. Political Correctness. Die gegen uns. Wir gegen die. Aber gibt es überhaupt noch ein wir? Und viel wichtiger: Gibt es die überhaupt noch oder ist nicht die gesamte Gesellschaft und der komplette politische Diskurs nach rechts gerückt? 

Wenn man uns – die Grüne Jugend – fragt, bekommt man eigentlich immer die gleiche Antwort: „Natürlich!“. Natürlich sind alle anderen rechts. Und natürlich hätte es Asylrechtsbeschränkungen früher niemals gegeben. Und natürlich war früher alles besser. Ach ne, das sagen ja die anderen immer. Trotzdem: Wir sind uns eigentlich einig. In einem Gastbeitrag beschreibt Kira von der GJ Münster zum Beispiel, wie sich dieser Rechtsruck der Gesellschaft in subtilem, alltäglichem Rassismus zeigt. Sie ruft dazu auf, sich den Rechten entgegenzustellen, weiter für eine linke Gesellschaft zu kämpfen. Und sie hat absolut Recht mit dem, was sie sagt. Die Frage ist nur: Ist das wirklich etwas Neues? Waren die Menschen vor zwanzig Jahren wirklich weniger rassistisch? Waren die Menschen vor 50 Jahren wirklich solidarischer?

Die Antwort ist (zum Glück?): Nein, waren sie nicht. Wir sind bereits einen weiten Weg gegangen. Wir haben es geschafft, den Diskurs so weit nach links zu verschieben, dass eine Welle der Solidarität über Jérôme Boateng hereinbricht, wenn irgendein AfD-Politiker ihn nicht als Nachbarn möchte. Na klar, dass sich trotzdem niemand über Abschiebungen nach Afghanistan aufregt ist schrecklich. Und es gibt die Rechten natürlich immer noch. Aus Studien ist aber mittlerweile bekannt, dass menschenfeindliches Gedankengut, wie Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit allgemein durchgehend bei etwa einem Fünftel der Bevölkerung zu finden sind.Vier Fünftel sehen das aber anders. Für die überwältigende Mehrheit herrscht in Deutschland immer noch die Mentalität, dass viele Kulturen gemeinsam leben sollen und können. Dass wir in einem Land leben, das Flüchtende mit Zügen zu sich holt. Wenn die New York Times über das Land, das an der Ermordung von knapp 6 Millionen Juden und Jüdinnen schuld ist, titelt, es sei die letzte Bastion des Linksliberalismus, finde ich es zwar für einen kurzen Moment schön ein Teil davon zu sein, merke aber im nächsten Moment wie absurd das ist. Und wie absurd es ist, dass wir das Gefühl haben unsere Gesellschaft sei rechter geworden, während der Rest der Welt das Gefühl hat, linker als die Deutschen steht nur noch Marx. Wobei der ja auch Deutscher war.

Lasst uns doch bitte auch mal laut sein!

Dennoch bleibt es dabei: Wir haben das Gefühl, dass unsere Gesellschaft rechts ist. Ein einfaches „Ist aber gar nicht so“ kann deshalb nicht reichen. Wir müssen uns fragen, woher dieses Gefühl kommt. Die Antwort ist einfach: Die anderen sind laut. Sehr laut. Durch ständige Medienpräsenz können sie einem das Gefühl geben, überall zu sein. Wir bleiben währenddessen lieber schön bei uns zuhause sitzen oder veranstalten ein Seminar zu Ortsgruppenarbeit – ohne implizieren zu wollen, dass die nicht auch wichtig sind.

Ein ähnliches Phänomen war in den USA zu beobachten: Trump war überall. Clinton nicht. Die Trump-Wähler°innen waren überall. Clintons Unterstützer°innen nicht. Bis nach der Wahl. Jetzt, wo es wirklich drauf ankommt, wo man sieht, was Trump aus den Vereinigten Staaten machen möchte, gehen mehr Menschen auf die Straße. Der Women’s March – einen Tag nach Trumps Amtseinführung – war mit weltweit knapp fünf Millionen Teilnehmer°innen eine der größten Demos aller Zeiten. Der Muslim Ban hat in mehr als 45 Städten teils mehrfache Proteste hervorgerufen. Und selbst Jan Böhmermann, dem sonst nichts heilig ist, hat die Witzmaschine mal kurz ausgeschaltet und zum Thema #MuslimBan eine Reihe von Tweets mit einem völlig unironischen „Das werden wir nicht akzeptieren“ abgesetzt.

Und vielleicht ist es genau das, was wir gerade brauchen. Keinen Arbeitskreis, der sich mit dem nächsten Jutebeutel-Wortspiel auseinandersetzt. Keine Spaßanträge. Keine Leute, die sich in ein Cannabis-Kostüm zwängen und den Menschen erzählen, wie toll Gras ist. Sondern eine Grüne Jugend, die erkennt, dass wir alle zusammen gerade für ganz andere Sachen kämpfen müssen. Dass in dieser Welt gerade schlimmeres passiert, als dass 10 Prozent der Deutschen eine rechte Partei wählen, die in den Parlamenten bisher sowieso nichts macht. Also lasst uns doch bitte auch mal laut sein.

Rechte Sprache zu übernehmen ist übrigens trotzdem doof. Alltagsrassismus und -sexismus auch. 


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