Kira Wesbuer von der Grünen Jugend Münster erlebt auf dem Weihnachtsmarkt subtilen Rassismus. Sie regt sich auf, ihren Freundinnen ist es egal. Ist ihre Reaktion unangemessen? Oder die ihrer Freundinnen? Oder liegt es gar an der gesamten Gesellschaft? Ein Gastbeitrag.


Als ich vor Weihnachten an einem Glühweinstand in Münster für mich und meine Mitschülerinnen Getränke holen will, gibt gerade ein asiatisch aussehender Mann neben mir seine Tasse zurück. Die Verkäuferin holt das Pfandgeld und sagt: „Sching Schang Schong! Hier ihr Rückgeld“. Der Mann geht schweigend davon. Als ich wütend zu meinen Mitschülerinnen zurückkehre und ihnen von der Situation berichte, kann keiner in der Runde Verständnis für mich aufbringen. “Warum regst du dich denn so auf? Darf man jetzt nicht mal mehr Witze machen?“ Doch, darf man. Ich versuche ihnen klar zu machen wie rassistisch und herabsetzend die Situation für den Mann gewesen sein muss – immer noch kein Verständnis. Bin ich zu empfindlich und eigentlich ist alles normal? Wie normal ist es in unserer Gesellschaft, rechts zu sein? Wie rechts ist unsere Gesellschaft insgesamt?

Geht man mit offenen Augen und Ohren durch die eigene Stadt, stellt man schnell fest, dass das alles nicht normal ist. Oder zumindest nicht so, wie ich mir den Normalzustand vorstelle. Fährt man in meinen Nachbarsort Metelen, wird man zuerst von einem übergroßen AFD Plakat begrüßt. Für mich ist dies wie der Bild gewordene Elefant im Raum: Das Plakat steht bildlich für die immer als Witze, Verschrobenheiten oder ‚Meinungen‘ gelabelten Sprüche, die jeden Tag Millionen von Menschen in diesem Land beleidigen und diskriminieren. Und obwohl der Elefant, also der alltägliche Rassismus sowie das vorurteilbehaftete Denken für mich überdeutlich im Raum steht, können ihn die meisten nicht sehen. Es ist heute anscheinend in Ordnung zu sagen, dass Menschen mit Migrationshintergrund ja eigentlich „gar nicht hierhin gehören“. Oder dass Homosexuelle „jetzt wirklich nicht auch noch heiraten müssen“. Solche Beispiele aus alltäglichem Meinungsaustausch zeigen gut wohin unsere Gesellschaft rückt: nach rechts. So war ich gleichermaßen froh und erschrocken darüber, festzustellen, dass ich nicht falsch reagiert habe auf dem Weihnachtsmarkt. Mir wurde klar, dass es eher die Reaktion meiner Freund°innen war, die mir Sorgen bereiten sollte. Sollten nicht gerade junge Leute in einer globalisierten Welt aufgewachsen offen und tolerant sein? Ich habe ‚Rechts-Sein‘ wohl immer eher einer alten Generation zugeschrieben, die meine Eltern und viele andere erzogen. Ich habe lange geglaubt dass Sprüche wie oben beschrieben nur von Menschen im Alter 60+ gehäuft zu hören seien. Gerade habe ich aber das Gefühl, dass rechtes Potenzial nicht auf Alter, Wohnort oder eine bestimmte Schicht beschränkt ist. Quer durch die Gesellschaft ist es ein Stück weit normal geworden rechte Positionen zu vertreten.

Lasst uns um jeden einzelnen Menschen kämpfen, der droht an die Rechten verloren zu gehen

Wie konnte es dazu kommen? Verlierer der Globalisierung, Abstiegsängste und Vergessen vom Dritten Reich sind da nur einige Schlagworte. Ich maße mir in diesem Gedankenabriss jedoch nicht an, eine Analyse der Gründe für den Rechtsruck in unserer Gesellschaft vorzunehmen.

Ich glaube aber, dass ich dazu beitragen kann, ihn zu verhindern und die Gesellschaft in die richtige Richtung zu bewegen. Jedes Mal wenn ich einen Post der Grünen Jugend sehe, mich mit meiner Ortsgruppe treffe oder zu Veranstaltungen fahren darf, geht es mir einfach gut. Ich weiß, dass unsere Arbeit wichtig ist, gerade nach so einer erschreckenden Feststellung. Und es gibt noch mehr Dinge, die Anlass zum Mut geben: Andere Jugendverbände wie die Jusos oder die Linksjugend Solid sind sich in solchen Fragen ja mit uns einig kämpfen prinzipiell für ähnliche Ziele wie wir. Und auch unsere Mutterpartei kämpft in den Parlamenten jeden Tag gegen Rassismus und Diskriminierung. Unsere Gesellschaft insgesamt als rechts zu bezeichnen, würde uns allen nicht gerecht. Denn auch wenn einige es nicht so wollen, ist sie dennoch bunt und vielfältig. Ich bin froh darum, in einem Land zu leben, in dem das noch in großen Teilen als selbstverständlich gilt. Lasst uns mit allen, die den Rechten keinen Platz in unserer Gesellschaft geben wollen, den Widerstand bilden, an dem die Rechten schließlich scheitern werden. Lasst uns um jeden einzelnen Menschen kämpfen, der droht an die Rechten verloren zu gehen. Wir müssen unsere Werte – unsere Buntheit – nach außen tragen und damit versuchen alle mitzunehmen, damit dieses Land frech, wild und wunderbar wird – und ein Stück weit bleibt.


Du stimmst Kira zu? Oder siehst es ganz anders? Den ganzen Februar lang wird es in der KRASS! um den Rechtsruck der Gesellschaft gehen. Schreib uns doch einfach, wenn du auch Lust hast einen Beitrag zu veröffentlichen! Wir helfen dir von der Idee bis zum fertigen Text, wenn du das möchtest! Mehr Infos findest du im Reiter „Mach mit!“.